Famulatur in Bolivien – Ein Reisebericht

Famulatur in Bolivien – Ein Reisebericht

Kurz vor dem Zahnmedizin-Examen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beschloss dl-Fachredakteurin (und ausgebildete Zahntechnikerin) Judith Hosbach, gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Janina Staats die letzten Semesterferien zu nutzen, um in eine fremde Kultur einzutauchen und gleichzeitig praktische Erfahrungen zu sammeln. Als Mitglieder des Förderkreises Clínica Santa Maria e.V. (FCSM) reisten sie nach Bolivien, um Land, Leute und ihre Zähne kennenzulernen.


Zunächst sah es so aus als fiele die Reise ins Wasser. Alle Vorbereitungen und Vorfreude dahin. Der begleitende Zahnarzt hatte kurzfristig abgesagt und es war unmöglich, noch einen Ersatz zu finden. Da wir noch nicht approbiert sind, ist es uns nicht gestattet, ohne Zahnarzt mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung zu arbeiten.

Ernüchtert und enttäuscht verabschiedete ich mich innerlich von dem geplanten Abenteuer und kalkulierte grob die finanziellen Verluste. Nur noch einen Klick von der Stornierung entfernt, segelte die Lösung ins Postfach: Der Projektleiter Ekkehard Schlichtenhorst bot uns an, die erste Woche mit ihm in Boliviens Hauptstadt Sucre zu arbeiten. Die folgenden Wochen würden wir unsere Behandlungs-Ausflüge ins Umland aus dem kleinen Ort Padilla unternehmen, gemeinsam mit den dort ansässigen Zahnärzten.

Was für ein Glück! Im Rückblick war es sogar das Beste was uns passieren konnte, denn wir hatten eine wunderbare, abwechslungsreiche Zeit.

Lima
Am 27. Februar ging es in aller Frühe in Frankfurt los. Elf Kilogramm Gepäck auf dem Rücken sollte für die kommenden sechs Wochen reichen. Mit einberechnet waren Materialien wie Komposit, Bonding, Anästhetika und Kanülen.

Unser Zielflughafen war Lima. Wir wollten vorab eine Woche Peru erkunden. Nach 25 Stunden Reisezeit erreichten wir um 19 Uhr Ortszeit den Flughafen Jorge Chávez. Als wir ins Freie traten umhüllte uns ein stickiges Gemisch aus feucht-warmer Luft und Abgasen.

Sofort umwarben uns eine Schar vermeintlicher Taxifahrer, die es auf unerfahrene europäische Touristen abgesehen hatte. Willenlos stiegen wir in die nächst beste Blechkarre. Nach einer unsäglichen Fahrt quer durch die Stadt biegen wir schließlich in das malerische Viertel Barranco ab, wo uns Luisa, unsere Gastgeberin, die Tür öffnet und die kommenden zwei Tage liebevoll umsorgte.

Wie in jeder großen Stadt ist es schwer, sich ein vollständiges Bild von ihr zu machen. Lima jedenfalls entzieht sich jeder einheitlichen Beschreibung. Hässlich, abweisend, elegant und zauberhaft – alles trifft gleichermaßen zu.
An der Pazifikküste fließt der Verkehr so beständig und unaufhaltsam wie die Wellen am schmutzigen Kiesstrand brechen. Hochhäuser ragen in den dunstigen Himmel, von dem die Sonne erbarmungslos auf die Wüstenmetropole brennt.

Hier sollte ich während meines sechswöchigen Aufenthaltes das beste Essen genießen: Ceviche, eine Art peruanisches Sushi, mit Pisco Sour, was einem Whiskey Sour nahekommt – ein Genuss, der mich sanft betrunken machte.

Cusco
Unsere nächste Station war Cusco, wo wir zwischen grünen Hügelketten auf 3460 Metern Höhe hausten.

Nicanor, unser Hausherr, hatte uns das Zimmer gezeigt und einen Mate de Coca-Tee gebracht. Wir sollten uns ausruhen und aus der Schale die losen Coca-Blätter kauen. Leicht fröstelnd und müde trinken wir den Tee und blicken auf die Stadt, die auf alten Inka-Mauern fußt. Wir kauften weiche Alpaka-Ponchos und wärmten uns immer wieder am Coca-Tee, der wirklich gut tat und etwas muffig schmeckte.

Aus Zeitmangel und Ablehnung von Massentourismus ließen wir Machu Picchu ausfallen und starteten stattdessen von Cusco aus nach Puerto Maldonado. Wir hatten uns für ein Dschungel-Erlebnis am Seitenarm des Amazonas entschieden. Das Klima erinnerte an das Schlangenhaus im Frankfurter Zoo und machte mir zu schaffen. Zwischen den Exkursionen, bei denen wir Kapuzineräffchen sahen und Piranhas angelten, lag ich in der Hängematte, genoss exotische Fruchtsäfte und blickte auf den Río Tambopata.

Unser Peru-Aufenthalt endete mit einer abenteuerlichen Nachtfahrt Richtung La Paz. Kurz vor der eigentlichen Abfahrt stellte sich heraus, dass unser Ticket ein Schnipsel der Bedeutungslosigkeit war – die gebuchte Fahrt existierte nicht.

Auf dem Terminal in Cusco geht es zu wie auf dem Markt und wir hatten eine halbe Stunde Zeit, unser Vertrauen einer anderen Busgesellschaft zu schenken.

Mit schwachen Nerven und schwerem Gepäck stiegen wir schließlich in den Bus „Titicaca“, umklammerten die Rucksäcke und zockelten Richtung Puno. Dort kamen wir morgens an und beschlossen, es den Peruanern gleichzutun und mit dem Trufi weiterzureisen. Diese kleinen Busse sind stets vollbeladen, das Gepäck mit Schnüren auf dem Dach befestigt.

Der Titicacasee

So ging es weiter um den Titicacasee nach Desaguadero, der Grenzstadt zu Bolivien. Wir tranken einen starken Instantkaffee, wechselten die restlichen Soles in Bolivianos und trotteten müde über das Grenzbrückchen.
Zwei Stempel (Ausreise Peru, Einreise Bolivien) später saßen wir im nächsten Trufi nach La Paz. Diese Stadt sollten wir fast ausschließlich aus der Vogelperspektive sehen. Für mehr als eine Fahrt in der Teleférico reichten unsere Kräfte nicht.

La Paz liegt auf 4000 Meter Höhe

Mit der Seilbahn lässt sich La Paz jedoch ganz entspannt umrunden. Man gleitet ruhig über das Verkehrschaos in den Straßen und lässt das Gewusel zwischen den Marktständen an sich vorüberziehen.
Am Abend schlichen wir noch über den Hexenmarkt, wo Lama-Föten, Glücksbringer und allerlei Heilkräuter das Schicksal bestimmen. Ein Ananassaft und eine Dusche mit gewohntem Wasserdruck ließen den aufregenden Tag ausklingen.

Ankunft in Bolivien
Am kommenden Morgen stiegen wir wieder in ein Flugzeug. Der ökologische Fußabdruck sollte sich mit diesem fünften Flug auf der Reise deutlich abzeichnen.

In Sucre empfingen uns die Sonne und Ekkehard. Er machte uns mit einigen hiesigen Gepflogenheiten vertraut und wies uns in die Arbeitsutensilien ein.

Ein Jugo (Saft) mit Ekkehard in der Markthalle von Sucre

Die mobile Einheit ist vollständig ausgerüstet und hatte während unseres gesamten Aufenthaltes problemlos funktioniert. Wir sortierten die Koffer nach Themen: Prophylaxe, Konservierend, Chirurgie und Endodontologie.
Weiterhin hatten wir einen Dampfsterilisator, einen klappbaren Behandlungsstuhl, ein separates Ultraschallgerät und eine isolierte Absauganlage, so dass wir parallel zu den Behandlungen Zahnreinigungen vornehmen konnten.

Diese Ausstattung sollten wir in den nächsten Wochen an die entlegensten Orte transportieren und uns im Auf- und Abbau perfektionieren. Es ist faszinierend, überall behandeln zu können und dafür nur eine Steckdose zu benötigen – denkt man an die vielen Auflagen, die es in Deutschland zu beachten gilt. Mit ordentlichem Wasserdruck ließen den aufregenden Tag ausklingen.

Zahnstatus in Bolivien
Die erste Woche arbeiteten wir gemeinsam mit Ekkehard an der Schule Gualberto Paredes.

Janina, Judith und Ekkehard an der Schule Gualberto Paredes in Sucre

Er zeigte uns seine Methoden der Fissurenversiegelung und Füllungstechnik, die ich gerne in meine zukünftige Arbeitsweise aufnehme. Für die gesamte Zeit in Bolivien sollten kleine Tapas (Füllungen) und Fissurenversiegelungen unsere Haupttätigkeit werden. Einige zerstörte Milchzähne und bleibende Molaren konnten wir extrahieren, das blieb jedoch die Ausnahme, denn dafür ist das Einverständnis der Eltern notwendig.

Wir hatten deshalb Zettel vorbereitet, welche die Kinder am Folgetag unterschrieben mitbringen sollten. Einige kamen wieder, doch wir merkten schnell, dass die meisten keinen Grund zur Extraktion sahen sofern keine akuten Beschwerden vorlagen.

Die Milchgebisse erwiesen sich als schockierend kariös. Ein kleiner Junge mit Lutscher im Mund und schelmischem Blick zeigte auf seinen Milchmolar und sagte „Necesito una tapa“ (Ich brauche eine Füllung) – ein Schlüsselerlebnis. Jedes Schulkind lutschte an einer Süßigkeit und hatte mindestens zwei kariös zerstörte Zähne.

Nicht selten sahen wir Hypoplasien an den bleibenden Zähnen, hervorgerufen durch unbehandelte und entzündete Milchzähne. Auch die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation sowie Zapfenzähne waren ein häufiges Bild.

Neben den Milchmolaren waren leider auch häufig die ersten bleibenden Molaren durch die profunde Karies komplett zerstört, so dass jede Füllungstherapie zu spät kam. In der ländlichen Gegend sollte sich das etwas bessern, was nicht der Zahnpflege geschuldet ist, sondern der zuckerärmeren Ernährung.

Tatsächlich sehen die Bolivianer das Thema Karies schicksalsergeben, so wie die Mentalität in unseren Augen insgesamt fatalistisch ist. Mit großen, teils ängstlichen Augen blickten uns die Kinder an und fragten, ob wir einen Zahn ziehen. Ihre Sorge ist der Schmerz. Lückengebisse hingegen akzeptierten sie unbekümmert.

Insgesamt waren die Kinder erstaunlich zugänglich und ausdauernd während der Behandlungen. Oft ließ die kindliche Neugier alle anfänglichen Befürchtungen fallen. Wegen tiefer Kariesläsionen mussten wir häufig anästhesieren, doch durch gutes Zureden ließen sich angstvolle Blicke auf Kanülen schnell besänftigen.

Am Abend spürten wir, was wir getan hatten, zumal es sich auf einem Schulhocker nicht besonders ergonomisch arbeiten ließ.

Globale Zahnmedizin
Die moderne und wissenschaftlich fundierte Medizin vermutet man nicht in Bolivien, doch globale Wandlungen betreffen auch die Zahnmedizin und zu meiner Überraschung unterschieden sich die bolivianischen Therapieansätze wenig von den uns bekannten.

Grundlegende Probleme, mit denen die Zahnärzte dort zu kämpfen haben sind die geringe Ressourcenausstattung und das begrenzte Fachpersonal.

Eine einzige Turbine muss genügen und die Arbeitsmaterialien sind knapp bemessen. Zahnmedizinisches Fachpersonal gibt es nicht; man ist gewohnt, allein zu arbeiten.
Am Krankenhaus in Padilla lernten wir Zahnärzte kennen, die abends noch in ihre eigene Praxis fuhren, um sich so ein Zusatzeinkommen zu verdienen.

Allerdings ist der Arbeitsmarkt in Städten wie Sucre und Santa Cruz gesättigt und sogar in den kleinen Gemeinden ist es schwer, Arbeit zu finden. Bessere Bedingungen und Verdienstmöglichkeiten bieten die Nachbarländer.
Das lockt gut ausgebildete Bolivianer nach Argentinien und Brasilien oder in die USA und nach Europa. Hier ist auch der Bedarf an Fachkräften ungleich höher, weil wohlhabendere Gesellschaften insgesamt älter werden. Dieser sogenannte „Braindrain“, also die Migration von qualifizierten Fachkräften, schwächt das Land nicht nur gegenüber den Nachbarländern, auch innerhalb Boliviens findet eine Abwanderung statt – die Land-Stadt-Abwanderung, wie wir sie aus Deutschland kennen.
Infolge dessen ist zukünftig eine zunehmende Ungleichheit zwischen Stadt- und Landbevölkerung zu erwarten.

Die derzeitige Regierung stellt jeder Gemeinde ein Ondoto-móvil zur Verfügung. Eine mobile Zahnarztpraxis eingerichtet in einem Mercedes-Bus, mit dem sich entlegene Ortschaften und Schulen anfahren lassen. Das sollte in den kommenden Wochen auch unsere Aufgabe werden.

Potosí
Sucre forderte schnell unser Nervengerüst: Wir schlängelten uns durch hupende Autokolonnen während mein Magen-Darm-Trakt gegen die mobilen Garküchen am Straßenrand rebellierte. An immer wieder Reis, Fleisch und Kartoffeln aus großen Blechtöpfen sollte ich mich bald gewöhnen, doch am Wochenende nutzte ich die Gelegenheit, aus der lauten Stadt herauszukommen.

Etwa drei Autostunden südwestlich von Sucre liegt Potosí. Der Ausflug dorthin beeindruckte mich so nachhaltig, dass ich ihn hier erwähnen möchte.

Obwohl ich kaum etwas über den Ort wusste, zog er mich geradezu magisch an. Auf der Fahrt dorthin hielten wir an der Puente Méndez, eine alte Hängebrücke, die über den Río Pilcomayo führt und die Departements Chuquisaca und Potosí voneinander trennt.

Die Brücke Méndez

Der ehemalige Präsident Aniceto Arce war Leiter dieses Bauwerks, das als großartige Arbeit des Architektur- und Ingenieurwesens gilt. Die Brücke hängt an Stahlseilen, die an zwei Türmen im neogotischen Stil befestigt sind. Unter anderem diente die Brücke als Verbindungsstrecke zwischen Chile und La Paz, was für die bolivianische Wirtschaft wichtig war, da Potosí im Bergbau boomte. Heute kann man die Brücke nicht mehr betreten und sie hat nur noch touristische Funktion.

Nach einer kurvenreichen Fahrt durch das zentrale Hochland mit schroffen Felsen und einsamen Ziegel-Dörfern erreichen wir Potosí. Die Konquistadoren mögen „El Dorado“ nie gefunden haben, dafür einen Silberberg, der eine kleine Andenstadt zur zweitgrößten Stadt der Welt werden ließ und das wirtschaftliche Vermögen von Spanien nach China beeinflusste.

Im 17. Jahrhundert besetzten spanische Kolonialherren die Häuser, begierig darauf, den Berg auszubeuten. Aus dieser Zeit stammen die hübschen Kolonialhäuser. Außerdem beherbergt die Stadt nicht weniger als 37 barocke Kirchen. Die Kirchenportale sind hinreichend verziert im typischen Mestizo-Stil – Sonne und Mond stehen für Pachamama, die Mutter Erde, die sie mit der Jungfrau Maria zusammen als eine Person verehren; maskenartige Gesichter sollen indigene Gottheiten darstellen. Wir sahen uns die alte Münze an. Es ist paradox: Hier, wo einst sozusagen der Kapitalismus entstand, herrscht heute erschütternde Armut.

Nach 60.000 Tonnen Silberausbeute über drei Jahrhunderte ist der Berg ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse und überschattet die Stadt in gewaltiger Kargheit. Heruntergewirtschaftet hält er kaum noch Silberschätze bereit und dennoch arbeiten hier Tausende und versuchen dem Berg Zinn, Zink und Erz abzutrotzen.

Die Kinderarbeit ist ab zwölf Jahren erlaubt, aber die meisten gehen schon viel früher in den „Berg, der Menschen frisst“, wie die indigene Bevölkerung hier ihren Cerro Rico, den „reichen Berg“, nennt. Die Armut treibt sie in die Minen. Staub, giftige Gase, Luft- und Temperaturunterschied zwischen den Tiefen der Minen und der Oberfläche führen zu Atemwegs- und Lungenerkrankungen. Bis zu zwanzig Menschenleben fordert der Berg jeden Monat, die meisten sind unter 30 Jahre alt.

Zufällig feierte an diesem Tag eine Kooperative ihr 125jähriges Bestehen. Wir liefen am Fuß des Berges durch den Staub, ergriffen von dem bedrückenden Bild der Mineneingänge mit kleinen Hütten davor. Aus Neugier beschloss ich hinzugehen. Eine Band spielte Musik, die in meinen Ohren schwermütig klang, doch der Sänger stellte die Gruppe vor als „la banda con la música más alegre del mundo“ (die Band mit der fröhlichsten Musik der Welt). Der Leiter der Kooperative bot uns sichtlich angetrunken Potosina-Bier aus Plastikbechern an. Sie seien stolz, dass wir ihre Gäste sind und wollten mit uns tanzen. Doch wir spürten, dass wir nicht bleiben sollten. Die Gesichter und der ganze Schrecken dieses Ortes blieben in meinem Kopf.

Aus jeder Gasse und von jedem Platz war der Berg sichtbar und als ich abends in einem Hostel der Stadt unter warmen Wolldecken lag, dachte ich an die Jungen, die nun in die Minen kriechen. Die meisten sind so jung, dass sie tagsüber zur Schule gehen und nachts arbeiten müssen. Ihr Proviant besteht aus Zigaretten, Kokablättern und Dynamit.

Auf der Rückfahrt nach Sucre fiel mir am Ortsausgang ein Werbeplakat von Cristian Apaza ins Auge. Der Unternehmer leitet das Projekt „Yo Pro“, das Schülern den Arbeitsmarkt vorstellen und eine berufliche Orientierung geben möchte. Neben dem Slogan stand „Vale un Potosí“, was im spanischen Sprachgebrauch noch immer bedeutet, dass etwas unbezahlbar ist. Diese Redewendung als gewinnender Werbespruch machte mich nachdenklich.

Padilla
Am darauffolgenden Tag nahmen wir die Reise wieder auf und fuhren nach Padilla. Das sollte für die restliche Zeit unser ländliches Domizil sein.

In der flota (Reisebus) verstauten wir in sechzehn Gepäckstücken unsere mobile Praxis und unsere eigenen Habseligkeiten. Über vier Stunden dauerte die Fahrt durch Tarabuco, Zudañez und Tomina bevor wir gegen 23 Uhr in Padilla ankamen.

Unser Zimmer befand sich oberhalb der Markthalle. Es war geräumig mit eigenem Bad und kleinem Balkon, von dem wir allmorgendlich den gemächlichen Marktaufbau auf dem Platz beobachteten. Schnell hatten wir es uns häuslich eingerichtet. Ein Wasserkocher, Kerzen, Kaffee und Tee sollten künftig unsere täglichen Morgen- und Abendrituale ermöglichen.

Schon bald kannten wir den Inhaber des Supermercados, die Obst- und Gemüsefrauen, den Restaurantinhaber der Pension, die Brotfrauen und Popcornverkäuferinnen, die wenigen Taxifahrer im Ort, einen freundlichen Gaucho mit Pferd, auf dem wir reiten durften, Dr. Ramiro und seinem Maisschnaps „Chicha charque“ und natürlich die Kliniks(zahn)ärzte.

Uns selbst kannte vermutlich der gesamte Ort und wenn wir auf dem zentralen Platz saßen blickten uns die Kinder aus großen dunklen Augen an oder lächelten schüchtern und begrüßten uns mit „las doctoras“.

Die Zeit dort war ruhig und dennoch reich an Erfahrungen.

Das Besondere waren die Menschen, die uns interessiert und herzlich aufnahmen. Hemmungen, vorsichtige Zurückhaltung oder Gegenleistungen irritierten dort nur. Dra. Sonia Rodríguez sah uns verständnislos an, als wir unsere gewaschene Wäsche bezahlen wollten – stattdessen lud sie uns zum Kochen ein. Dr. Ramiro malte ein Herz auf seine Brust als wir uns für den Ausritt auf seinen Pferden bedankten. Einladungen, so lernten wir, sind zum Genießen da und nicht, um über den Dank zu grübeln. Wir nahmen es an.

Odonto-móvil
Die erste Woche in Padilla arbeiteten wir im Odonto-móvil. Ist das Gefährt nicht unterwegs, um Schulen anzusteuern, nutzen die Zahnärzte in Padilla den Bus als zusätzliches Behandlungszimmer.

Die Arbeit im Odonto-móvil von Padilla

Leider versagte der Motor in der zweiten Woche. Seither nutzten wir die „Ambulancia“, einen Krankenwagen, und arbeiteten nun wieder mit unserer mobilen Praxis aus Sucre.

Von Padilla aus unternahmen wir nur zwei kleine Sonntagsausflüge. Serrano war unser erstes Ziel. In einem überfüllten Trufi holperten wir über unbefestigte Feldwege und kleine Flüsse durch die grüne Berglandschaft. Mit im Geleit waren Gauchos und Marktfrauen, die mit ihren langen Zöpfen gleichmütig unter den Sombreros blinzelten und ihre müden Kinder auf dem Schoß hielten. Die meisten waren frühmorgens in Padilla auf dem Markt gewesen.
Ab und an stieg jemand aus und lief gemächlich ins Nirgendwo. Serrano ist ein noch kleinerer Ort als Padilla. Hier kauften wir stolz unsere Sombreros – schwarze Filzhüte unter denen wir uns den Indígenas noch näher fühlten.

Der zweite Ausflug führte uns nach Tarabuco. Dieses Dorf ist berühmt für seinen großen kunterbunten Markt, der den gesamten Ort durchzieht und alles Erdenkliche für wenige Bolivianos bereithält.

Zahnextraktion im Klassenzimmer

Tabacal
Nachdem wir in den ersten beiden Wochen vor allem in Padilla und im nahen Umland gearbeitet hatten, sollten wir in der dritten Woche in das entlegene Tabacal fahren.

Es hatte die ganze Nacht geregnet und der lehmige Weg dorthin führt steil durch die Berge. Aufgeweichter Boden, Felsbrocken, umgekippte Bäume und Sträucher machten die Fahrt besonders erlebnisreich. Wir waren in einer Dschungel-Landschaft angekommen, durchzogen von einem Fluss, der in Serrano entspringt und durch den Regen wie eine Flut Cappuccino aussah.

Es freute mich, als wir in dieser unzugänglichen Gegend, die nicht einmal Google kennt, auf ein kleines Krankenhaus trafen. Nur acht Ärzte arbeiten hier.

Uns begrüßte der sympathische Zahnarzt Dr. Mayer Ayllon Rodas. Nachdem wir im Nu unsere Praxis eingerichtet hatten, darin waren wir inzwischen routiniert, zeigte er uns die atemberaubende Umgebung. Außer der Klinik, einer Schule mit Internat und einem kleinen Laden gibt es nur den Fluss und den Urwald, der sich links und rechts davon die Berge hochzieht. Am Flussbett wachsen Zuckerrohr, Mais, Bananen, Papayas und Orangen.

Würden in diesem Krankenhaus nur einige Fachkräfte fehlen, könnte der gesamte Betrieb vermutlich nicht bestehen bleiben. Deshalb finde ich es besonders beachtenswert, dass sich die Ärzte mitten im Nirgendwo einrichten und mit den gegebenen Arbeitsbedingungen arrangieren. Bis letztes Jahr gab es hier keine sichere Strom- und Wasserversorgung.

Die Köchinnen der Schulen sorgten immer für ein üppiges Mittagessen. Hier mit zwei lokalen Ärztinnen. Im Hintergrund: unser Behandlungsplatz

Behandlung
Die Kinder nahmen auch hier bereitwillig unsere Behandlungen an. Manchmal kullerte ein Tränchen, was sie aber nicht daran hinderte, den Mund geöffnet zu halten und uns mit großen Augen anzusehen. Wir blieben drei Tage.

Wir waren viel unterwegs gewesen und jeden Tag hieß es, sich von den Kindern, Lehrern und Köchinnen zu verabschieden. Hier fiel es mir jedoch umso schwerer, weil es unser letzter Behandlungstag war. Wir wussten, dass wir alles zum letzten Mal zusammenpackten. Auf der Rückfahrt liefen traurige Lieder über Liebe und Abschied und obwohl die Straße nicht weniger abenteuerlich war, fuhren wir recht unaufgeregt immer weiter in die Nebelwolken hinein zurück Richtung Padilla, wo wir unsere letzte Nacht feiern würden.

Das Essen: Kohlenhydrate en masse

Abschied
Es war ein Straßenfest, so wie die meisten Feste hier. Die Ärzte von Padilla zeigten uns, wie man trinkt und tanzt. Ein Abschied, der fröhlich war, wobei mir die Musik und ihre Texte doch wieder etwas melancholisch vorkamen – möglicherweise ist das Verständnis von traurig und fröhlich dort ein anderes.

Unsere Abreise in Santa Cruz würde nun den Rahmen sprengen. Nur so viel sei gesagt: Alles, was ich mir auf der Reise über Bolivien zusammen gepuzzelt hatte, musste ich in Santa Cruz über Bord werfen. Im Oriente ist das Leben so ganz anders. Nicht europäisch, aber doch gesättigter und weniger ursprünglich. Schließlich empfand ich doch noch so etwas wie einen Kulturschock.

Muchas gracias!
Zu guter Letzt möchte ich mich bedanken für dieses tief berührende Erlebnis: bei Janina, die mit mir durch Flora und Fauna, Hochs und Tiefs gegangen ist; bei den bolivianischen Zahnärzten und Kindern, die ich wunderbar finde; und natürlich bei Ekkehard und dem FCSM, die diese Famulatur möglich machten. Es war ganz bestimmt nicht meine letzte Reise in dieses Land!

Unser typischer Behandlungsplatz

Info über den FCSM:
Der „Förderkreis Clínica Santa Maria e.V.“ ist seit 1993 ein aktiver Verein, den vier Zahnärzte gegründet haben, mit dem Ziel, medizinische Versorgung dort anzubieten, wo der Zugang dazu sonst kaum möglich ist.

„Bolivia-móvil“ ist eines der beiden Projekte in Bolivien. Das Arbeitsteam besteht aus zwei Studenten (ab dem 8. FS Zahnmedizin) und einem Zahnarzt. Gemeinsam sind sie in der Provinz Chuquisaca rund um Sucre unterwegs und fahren dor vorwiegend Schulen an.

Das jüngere Projekt in Huancarani besteht seit 2013. Dort arbeiten ein bis zwei Zahnärzte gemeinsam mit einem Zahntechniker. Diese sind auch immer sehr gesucht, denn der Bedarf an Zahnersatz ist groß.

Wer Kapazitäten für eine Reise nach Bolivien hat, wird auf jeden Fall mit einem einmaligen Erlebnis entlohnt.
info@fcsm.org
www.fcsm.org